Summen und Selbstregulation
Was im Körper passiert – und warum dieser einfache Impuls so wirkungsvoll sein kann
Viele Menschen summen ganz unbewusst vor sich hin – beim Nachdenken, beim Autofahren oder wenn sie sich beruhigen möchten. Oft passiert es einfach. Ohne Technik, ohne bewusste Entscheidung. Und genau darin liegt bereits ein Hinweis: Summen scheint etwas zu sein, das der Körper von sich aus nutzt.
Doch was passiert dabei eigentlich?
Ein zentraler Aspekt ist die Atmung. Beim Summen verlängert sich automatisch die Ausatmung. Sie wird ruhiger, gleichmäßiger und oft auch tiefer. Diese verlängerte Ausatmung steht in engem Zusammenhang mit der Aktivität des parasympathischen Nervensystems – also dem Teil unseres Nervensystems, der für Regeneration, Beruhigung und Stabilisierung zuständig ist.
In diesem Zusammenhang wird häufig auch der Vagusnerv genannt. Wissenschaftlich lässt sich sagen: Eine ruhige, verlängerte Ausatmung kann vagale Prozesse unterstützen und damit zur Regulation des gesamten Systems beitragen. Summen ist dabei kein direkter „Hebel“, sondern eher ein natürlicher Zugang zu genau dieser Atemqualität.
Ein zweiter, oft unterschätzter Faktor ist die Vibration
Beim Summen entsteht eine feine, gleichmäßige Schwingung im Bereich von Kehlkopf, Brustraum und Kopf. Diese mechanische Resonanz wird über Gewebe und Nervenstrukturen weitergeleitet und kann zu einem verstärkten Körpergefühl führen. Gleichzeitig beeinflusst Summen die Atemwege selbst. Studien zeigen, dass beim Summen die Belüftung der Nasennebenhöhlen verändert wird und dabei vermehrt Stickstoffmonoxid freigesetzt werden kann – ein körpereigener Stoff, der unter anderem an Gefäßregulation und lokalen Abwehrprozessen beteiligt ist. Dieser Effekt ist einer der am besten untersuchten physiologischen Mechanismen des Summens.
Neben Atmung und Vibration spielt auch der Ton eine Rolle. Summen erzeugt einen gleichmäßigen, kontinuierlichen Klang. Anders als beim Singen gibt es keine wechselnden Tonhöhen, keine Anforderungen an Rhythmus oder Text. Diese Monotonie wirkt stabilisierend, da das Nervensystem stark auf Rhythmus und Vorhersagbarkeit reagiert.
Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Aufmerksamkeit
Wer summt, ist automatisch im Moment. Die Handlung ist einfach genug, um keine Anstrengung zu erzeugen, aber gleichzeitig präsent genug, um gedankliches Abschweifen zu reduzieren. Dadurch entsteht eine Form von fokussierter Ruhe – ohne Druck oder Konzentrationsleistung. Interessant ist auch der Unterschied zum Singen. Während Singen oft mit Leistung, Bewertung und kognitiver Steuerung verbunden ist, bleibt Summen unmittelbar und körpernah. Es braucht keine Struktur und kein Ziel. Gerade deshalb eignet es sich besonders gut zur Selbstregulation.
Dass dieser Impuls tief verankert ist, zeigt sich auch im Verhalten von Kindern. Viele Kinder summen oder tönen, wenn sie vertieft spielen oder sich selbst beruhigen. Nicht als Technik, sondern als natürlicher Ausdruck eines regulierten Zustands.
Auch in traditionellen Praktiken findet sich dieses Prinzip wieder
Das aus dem Yoga bekannte AUM besteht in seinem ausklingenden Teil ebenfalls aus einer vibrierenden, summenden Komponente. Dabei entsteht ein Resonanzraum im Körper, der bewusst genutzt wird, um Wahrnehmung und Zustand zu verändern.
Eine ähnliche Richtung zeigt sich beim Seufzen. Auch hier verlängert sich die Ausatmung deutlich, oft verbunden mit einer hörbaren Entladung von Spannung. Studien zeigen, dass gezieltes Seufzen die Atmung neu regulieren kann und ebenfalls Einfluss auf das emotionale Erleben hat. Summen und Seufzen nutzen somit unterschiedliche Wege, führen aber in eine ähnliche Richtung: Entlastung und Regulation.
Was bedeutet das für den Alltag?
Summen ist kein Werkzeug, das du „richtig anwenden“ musst. Es ist eher eine Möglichkeit, dich wieder mit einem Zustand zu verbinden, den dein Körper bereits kennt. Wenn du es ausprobieren möchtest, genügt es, ruhig durch die Nase einzuatmen und mit der Ausatmung sanft zu summen. Ohne Druck, ohne Lautstärke, ohne Anspruch. Schon wenige Minuten können ausreichen, um eine Veränderung wahrzunehmen – oft leise, aber deutlich.
Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Nicht die Technik steht im Vordergrund, sondern der Zugang. Ein Zugang zu deinem Atem, zu deinem Körper und zu einem Zustand, der sich oft erst dann zeigt, wenn nichts mehr „gemacht“ werden muss.
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Quellen & weiterführende Hinweise:
- Lundberg et al. (2002): Increased nasal nitric oxide during humming
- Russo et al. (2017): The physiological effects of slow breathing
- Zaccaro et al. (2018): How breath-control can change your life
- Kalyani et al. (2011): Neurophysiological effects of OM chanting
- Vlemincx et al. (2013): Sighing and its role in respiration
- Porges, Stephen (2017): The Pocket Guide to the Polyvagal Theory
- Eigene Beobachtungen & Erfahrungen aus der Praxis
